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Credo

Vassily Lobanov. Thesen zum Komponieren.

1. Im Anfang ist das Geheimnis.

2. Kosmos - Ordnung - Höchste Harmonie.

3. Die Projizierung der Höchsten Harmonie auf Zeit und Klang ist die Musik.

4. Der Komponist ist das Instrument, von dem diese Projizierung ausgeführt wird.

5. Der Komponist ersinnt nichts, erfindet nichts und verfasst nichts, er hört nur zu und schreibt auf.

6. Die einen hören das eine, die anderen wieder anderes, denn der Kosmos ist grenzenlos.

7. Eine Apriori-Konstruktion, die vor dem Moment der Einsicht erfolgt, ein Aposteriori- Programm (aus Bereich der Ethik, Malerei usw.), das jeden Moment erläutert - diese beiden Dinge sind allzu menschlich, haben keine Beziehung zur eigentlichen Musik und beeinflussen nicht deren Qualität.

8. Der Komponist ist kein Improvisator. Er hört nicht nur in die strömende Materie hinein, er hört in die Ordnung hinein. Er bringt nicht Ordnung in die strömende Materie, sondern er macht Ordnung in ihr sichtbar.

9. Technik ist die Fähigkeit, in die Tiefe einzudringen, auszuwählen und genau zu notieren. Der Dilettant bleibt an der Oberfläche, er wählt nicht aus und notiert nur annäherungsweise.

10. Eine natürliche kompositorische Begabung besteht hauptsächlich in einer besonderen seelischen Einstellung gegenüber der Höchsten Harmonie. “Musikalisches” Gehör und “musikalisches” Gedächtnis sind nicht so wichtig, sie lassen sich entwickeln. Es gab grosse Komponisten, die nur ein gutes Gehör und ein mittelmässiges Gedächtnis hatten (TCHAIKOVSKY?).

11. Der Komponist muss dort hören können, nicht hier.

12. Dort hören zu lernen helfen Sonne, Regen, Gras, Wind, Meer, Bäume... Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Mahler, Debussy, TCHAIKOVSKY, Rachmaninov, Schaljapin, Furtwängler... Dostojewski, Tolstoi, Dickens, Hermann Hesse, Faulkner, Tjutschew, Mandelstam... Chaplin, Fellini... feuchter Asphalt (abends in Stadt M.), Vögel am Himmel und die Sterne, Augen, Tiere, Handteller, Liebe...

13. Die moralische Rechtfertigung von kompositorischer Arbeit besteht darin, Menschen an Höchste Harmonie heranzuführen.

14. In der Höchsten Harmonie gibt es Chaos, Ordnung, Licht, Schatten, das Gute, das Böse, - in harmonischer und gemeinsamer Wechselbeziehung.

15. Der Mensch, der nicht am Kosmos teilhat, ist unglücklich.

16. Glück ist die Empfindung von allgemeiner wechselseitiger Abhängigkeit, die Empfindung von Tiefe und Mehrschichtigkeit, das Spüren des Geheimnisses.

(Lyrisches Resümee) : Nach wie vor bin ich fest davon überzeugt, dass der Komponist nur Medium, nur Mittler zwischen Kosmos, Gott und Mensch ist. Mittler zwischen Ewigkeit und Geschichte, Realität und Im-Entstehen-Begriffenen. Kunst entsteht genau an dieser Grenze. Schönheit und Güte - sie sind weder dort (dort ist alles anders) noch hier (hier ist es dunkel und dumpf), sie entstehen dann, wenn sich zwei Welten miteinander verbinden, wenn es Gespräche gibt, einen Dialog. Nur dann kann ein gewisser elektrischer Funke, eine Entladung entstehen. Und sogenannte Kompositionstechnik ist ohnehin nur das Vermögen, in dem Garten, in den man geworfen wurde, umherzuirren, sich umzutun und zu sammeln. Man muss alle seine Wege durchlaufen, vorsichtig und aufmerksam alle Bäume und Blumen betrachten, hier das Wild, das sich im Dickicht versteckt hält, nicht aufscheuchen, dort dem Gesang der Vögel lauschen. Wenn es einem jedoch nicht beschieden ist, in diesen Garten zu gelangen, sondern man Zuhause am Herd geblieben ist (hier ergibt sich leider eine ungewollte Gedankenverbindung zur Werkstatt des Komponisten), dann wird man nichts ausser dem Scheppern des häuslichen Geschirrs und dem durchs Fenster dringenden Lärm der Autos hören.